Corona-Tagebuch ohne Tage und ohne Buch

HannaH Rau


„Du wirst diese Tage doch sicher gut nutzen.“

„Wie gut, dass du aktiv bist.“

Wenn doch nur alle es besser wissen als ich selbst, was jetzt gerade wichtig ist und was wir Künstler doch alles tun sollen oder können oder nicht.

Da bekomme ich gestern diese Aufforderung, ein Gedicht in eine Mail zu schreiben, einen Mail-Kettenbrief: „Kommt, lasst uns sammeln! Gedichte, die Mut machen, Gedichte, die uns gut tun.“ Und ich frage mich, welches Gedicht dies tun kann. Welches soll es tun?

Und es ist so wie die meiste Zeit der letzten Wochen. Ich sitze und grüble und kann nichts tun. Ich habe kein Gedicht. Ich habe keine Worte. Ich beginne zu schreiben und ich frage mich, wozu und was das soll und ob irgendwer diese Worte gebrauchen kann, lesen will, und was bedeuten sie jetzt? Und wohin gehen wir, wenn die Krise uns packt, was kann helfen, wenn da keine Berührung sein kann? Dann soll die Berührung über die Kunst stattfinden. Aber kann das die Kunst?

Ich glaube daran. Ich habe immer daran geglaubt, dass Kunst das kann. Ich weiß, dass Schreiben helfen kann, Schreiben trägt. Und das glaube ich auch immer noch. Aber meine eigenen Worte haben ihren Sinn verändert, einfach so. Und ich gucke zu. Das ist, als ob deine Kinder dann einfach nach ein paar Jahren, in denen du ihnen das Beste, was du hast, was du konntest, gegeben hast, wenn dann deine Kinder einfach ganz allein in gefährliche Höhen klettern: Und dann senden sie dir Sonnenaufgangsbilder vom Kirchendach. Schöne Bilder. Und du hast Angst. Bloße Angst.

Ich habe kein Gedicht, das diese Angst halten kann. Ich habe kein Gedicht, das mir so viel Mut gibt, dass ich immer, immerzu, so wie immer weitermachen kann. So, wie sie es jetzt wollen, von mir wollen. Sende uns ein Video, wo du dich filmst, während du liest! Schreibe und wir veröffentlichen es! Sprich deinen Text ein und wir stellen die Aufnahme online!

Ja, was denn?

Wenn die ausgestreckte Hand noch einen Meter Abstand hat zur nächsten, dorthin, wo du deine Hand hineingraben möchtest. Wenn deine Arme einfach nur die Freundin umarmen wollen, du sie umarmen möchtest, weil du sie so klasse findest. Ihre Worte, im Wald auf dem einsamzweisamen Spaziergang, diese ganz einfachen Worte, zu denen wir uns finden, wenn es hart auf hart kommt. Diese Worte sind es doch. Wie der eine klare Schnaps, wenn Du eine schlechte Nachricht bekommen hast. Hart. Scharf. Im Hals schmerzend.

Es gibt dich. Du bist noch da. Du kannst atmen. Sehen. Hören. Die Spatzen schimpfen. Sie schimpfen durch das lächerlich blendende Licht. Dies Licht, das so schwachsinnig die Zeit konterkariert, wie all die Videos, die jetzt deine sozialen Netzwerke SOZIALE NETZWERKE fluten. Mit einem Witz über Klopapier nach dem anderen. Wie wir zurückkommen zu dem Grund, der Basis, wie wir nur noch ans Lachen und Arsch-Abwischen denken, wie wir „Die Pest“ von Camus bestellen, weil wir ja nun Zeit haben, zu lesen.

Ich habe keine Zeit. Ich will keine Zeit haben. Ich will diese Umarmung von dir. Ich will dir nah sein. Erst mit Worten, dann mit meinen Händen. Deine Wärme spüren.

Ich will morgens nicht mehr aufwachen und wütend sein.

Und ich höre die lärmenden Spatzen im gleißenden Sonnenlicht und die Glocken, die läuten durch die Stille, als würden sie in meinem Kopf direkt neben der Wut sitzen.

Und dann kommt aus der Kirchengemeinde ein Aufruf zu Morgenandacht per Mail. Und morgen wieder und jeden Tag. „Die Gotteshäuser bleiben leer!“ klagt es im Radio. Der Papst sitzt allein auf dem Petersplatz! Und will doch Hostien auf die gestreckten Zungen legen! Und schüttelt weiter Hände. Gott wird ihn schützen. Und Hoffnung sollen wir haben.

Ja. Das habe ich. Aber ich habe kein Gedicht dafür. Jedenfalls keins, was diese Kettenbriefschreiber so denken.

Manchmal, in schlimmen Momenten, habe ich eine Melodie im Kopf: „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Und er ist doch gerade mir so fern, und ich frage mich, woran und was sie alle glauben und wie die Zeilen weitergehen. Was weiß denn ich.

Und dann gibt es erste Corona-Hilfen vom Staat, und ich versuche, Anträge zu stellen und muss beweisen, dass ich Künstlerin bin, dass ich etwas beigetragen habe zum Bruttosozialprodukt, dass ich etwas verloren habe, das nun nicht mehr Geld verdient.

Und ich denke, das seht ihr doch, ich habe doch Steuern bezahlt.

Und dann sehe ich meine Kolleg*innen, wie sie ins Netz treten und sich filmen, mit ihren Instrumenten, ihren Texten, wie sie zeigen, was sie jetzt tun, was sie getan haben, alles für lau, damit alle weitermachen und zuhause bleiben. Und ich kann nur zusehen, und es verdichtet sich in mir. Nicht in Worten. Nein. Irgendwie nicht.

Und dann denke ich, ok, und hole meine alten Lieder, meine alten Worte heraus und stehe mit der Liebsten in der Sonne um 18 Uhr im Hof und spiele für die freundlichen Nachbarn, die Abstand halten. Und dann singe ich mein über 10 Jahre altes Lied mit dem Refrain „In dieser Situation sind wir alle verdächtig.“ Woher die Zeile damals kam? Ich weiß es nicht. Aber jetzt ist sie wieder da, und sie ist so unwirklich wahr, wie all dies Gleißen und Spatzengeschrei und Glockengedröhne in meinem Kopf. „In dieser Situation sind wir alle verdächtig.“

Ja.

Ich bin verdächtig und du auch, nicht das Beste aus der Situation zu machen. Ich hangele mich an den Worten der anderen entlang, der wenigen Stimmen, die sagen: Du hast zwar die Möglichkeiten, Home-Office musst du nicht erst lernen, das machst du als Literatin sowieso. Und du hast Technik und Unterstützung. Aber du hast auch Krise, Angst, Katastrophe, und das musst du erst einmal klar kriegen. Und es ist nicht wie ein Unfall, ein Vulkanausbruch, eine Welle, die dein Schiff umschmeißt, und du musst schwimmen bis zur nächsten Insel, guck mal, da vorn.

Nein, es ist ein Schwimmen in einem riesigen Meer, dauernd. Du siehst nicht wohin und wie lange, und das Wetter ist wun-der-bar! Wun-der-bar! Und du schwimmst und du spürst die schmerzenden Beine, die frierenden Hände, den Fuß, der nicht mehr will, und dass du noch Schuhe anhast und die jetzt komplett sinnlos hier sind und die großen Schiffe mit den feiernden Berühmtheiten, sie ziehen vorbei und sie spielen Schubert, laut! Über das glatte, weite Meer ziehen die Klaviertöne, und du hörst hin und du kannst die Tränen nicht halten, sie würgen dir den Hals und das Wasser schwappt in deinen Mund, weil du nicht aufpasst, zu viel nach Luft schnappst und nur salziges Wasser kommt bis in die feinsten Alveolen. Das ist ein neues, schönes Wort. Das kennst du, weil du täglich Professor Drosten hörst.

Und über dir sind all die Möwen mit ihrem Geschrei, die bunten Bilder, die Witze, die Tweets, die Gifs, die Filme, die sie witzig finden. Sie lachen, sie lachen dir den blauen Himmel nah.

Aber vielleicht ist es das alles nicht, denkst du und schwimmst.

Aber du schwimmst.

Und es ist nicht das Geschrei, nicht das Licht, nicht das Wasser, nicht der Himmel. Denn du hast keine Richtung. Du kannst nur schwimmen.

Aber du schwimmst.

Mehr nicht.

Und darüber lässt sich nicht viel schreiben.

Sie haben mich gefragt, welches Gedicht mir Kraft gibt. Es ist dieses eine von Hendrik Rost, mit den Pflaumen. Nein, es geht nicht um Pflaumen.

Und ich kann nicht aufhören zu lesen. Zu schwimmen. Zu glauben. Zu rauchen. Ich kann nicht aufhören, Hoffnung zu haben.

Und sie ist nicht in den großen Worten. Sie ist in der Sehnsucht, die ich fühle bei all den fernen Umarmungen, die hier angekommen sind über die Wochen. Die fernen Umarmungen, die da sind, wenn ihr mir schreibt, wenn ihr mir Geld über den Spenden-Button sendet.

Und ich freue mich, weil ihr mir schreibt, weil niemand etwas von mir will, keine Gegenleistung, niemand erwartet etwas von mir, keine Worte, noch nicht einmal ein Danke.

Aber dennoch ist da eine Lücke. Was mache ich mit dieser Lücke, was mache ich mit diesem dauernden Zwischenraum? Was mache ich mit dieser beschissenen Sehnsucht, dieser Wut? Der Zwischenraum, er dauert an, viel zu lang dauert er an.

Diesen Zwischenraum zu leben, das ist es doch. Und Scheiße, ja, das macht so Angst. Und da kann vielleicht auch niemand mit mir gehen. Weil die Hand fehlt. Weil die Sehnsucht der nicht ausführbaren Umarmung größer ist als die Umarmung selbst.

Ich schreibe Euch das Gedicht von den Pflaumen und denke, ja, Hendrik hat das gut gemacht, er hatte ein anderes, berühmtes Gedicht als Vorbild: Verzeih, W.C. Williams.

Aber darum geht es. Dass da andere sind, die schon einmal etwas gedacht haben, die in dieser Lage schon einmal waren, die diesen Zwischenraum bepflanzen mussten mit einer Kohorte an Apfelbäumen, mit dem C-Dur-Quintett und der „Ode an die Freude“, fickt euch, Leute, das kann kein Livestream, das in mich setzen. Es ist das nicht-nahe-Spüren, das mich den Tönen, den Worten nahe bringt. Und das ich dann in mich selbst übersetze.

Und eigentlich lässt sich das nicht in Worte fassen. Und deshalb bin ich fassungslos dieser Tage. Ohne Worte.

Haltlos, den Zwischenraum nicht wie gewohnt mit Spiel und Anarchie und Unbequemem ersegelnd. Nein, ich schwimme. Ich schwimme ins Irgendwohin.

Ich habe kein Boot. Ich habe sinnlose Schuhe, und sie sind sinnlos rot, an beim Schwimmen. Vielleicht bin ich aber auch wieder zu spät. Oder zu früh. Wie so oft. Und die Liebste sagt: „Du bist genau richtig.“ Ich weiß es nicht.

Das Zwischenraumleben des „Ich weiß es nicht“ ist keine wärmende Decke. Aber es könnte die einzige sein, die ich jetzt habe.

Es ist in Ordnung, jetzt nicht die Worte aus der Tasche ziehen zu können. Ein nasser, verlaufener Text auf einem zerknitterten Zettel, der all das kann. Wo soll der sein?

Wer will den schreiben?

Nein. Für den Weg über den Ozean habe ich ein Spatzengeschrei, meine Beine, ein gleißendes Licht, Schnaps, Glockengeläute, eine Hand in meiner, eine Erinnerung an Umarmungen, an Blicke, an Publikum, an Worte, die andere sagten, lächelnd im Raum tanzten sie, wie Staubsterne im Licht, Erinnerungen an Begegnungen mit Augen, Händen, Haut.

Und ich habe Pflaumen von Hendrik Rost.

Ahoi!


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